ISYKONSENS International - Institut für Systemisches Konsensieren

Bewerten und entscheiden : Im Normalfall

Im Normalfall wird man sich für den Vorschlag mit dem geringsten Gruppenwiderstand entscheiden. Falls mehrere Vorschläge denselben Gruppenwiderstand erhalten haben, kann man für sie zusätzliche Kriterien anwenden, um einen endgültigen Entscheid treffen (s. auch "Die endgültige Entscheidung").

Da für jeden Vorschlag sein Gruppenwiderstand berechnet wurde, kann man die Vorschläge seiner Größe nach fallend reihen. Diese Reihung der Vorschläge stellen wir in einem "Lösungsband" dar. Ganz oben sind die Vorschläge mit dem geringsten Gruppenwiderstand.

Bewerten_Loesungsband_5
Die Reihung der Vorschläge hinsichtlich ihres Gruppenwiderstands entspricht ihrer Reihung hinsichtlich ihrer Nähe zum Konsens. Sie ergibt ein "Lösungsband"
Die Reihung der Vorschläge hinsichtlich ihres Gruppenwiderstands im Lösungsband entspricht ihrer Reihung hinsichtlich ihrer Nähe zum Konsens.
Das Lösungsband erlaubt nun eine differenziertere Entscheidungsfindung, die nicht nur den Vorschlag/die Vorschläge mit dem geringsten Gruppenwiderstand in Betracht zieht.

Eine besondere Rolle spielt dabei die sogenannte Nulllösung. Falls irgend möglich sollte sie mitentwickelt und auch bewertet werden. Sie lautet etwa: "Alles soll so bleiben, wie es ist" oder "Verschieben wir den Entscheid" oder ähnlich. Nulllösungen sollten positiv formuliert sein. Sonst muss man sich mit doppelten Verneinungen herumschlagen, was äußerst verwirrend ist. Wenn also zum Beispiel einige Anträge zur Änderung eines bestehenden Wahlmodus eingebracht wurden, dann sollte die Nulllösung nicht lauten: "Wir ändern den bestehenden Wahlmodus nicht" (wenn Sie versuchen, dagegen W-Stimmen zu vergeben, spüren Sie vielleicht, wie verwirrend dies wäre). Eine positiv formulierte Nulllösung wäre dagegen: "Wir bleiben bei der bestehenden Wahlordnung."

Wenn die Nulllösung mitbewertet worden ist, erkenn man an ihr die Grenze der Zumutbarkeit der Gruppe: Lösungen, die unterhalb der Nulllösung liegen, sind der Gruppe nicht zuzumuten, der Status quo ist der Gruppe lieber. Gleichzeitig bildet die Nulllösung eine Art Legitimation für die Umsetzung aller "guten" Lösungen, also aller jener oberhalb der Nulllösung: Diese wären in den Augen der Gruppe dem Status quo vorzuziehen. Sie alle könnten – und sollten – umgesetzt werden, solange sie einander nicht widersprechen. Sollten einige davon einander ausschließen, so haben die Konsens-näheren Priorität. Zum Beispiel könnten in einem Beziehungskonflikt die Vorschläge "Wieder einmal zusammen tanzen gehn", "In ein gutes Restaurant essen gehn", "Am Morgen einen freundlicheren Guten-Morgen-Gruß" und weitere alle verwirklicht werden. Dadurch sind die Chancen groß, dass man das zugrunde liegende Problem wirklich grundlegend löst.

Es kann auch mehrere Nulllösungen geben.

Für besondere Wünsche oder besonders sensible Fälle stehen auch ausgefeiltere Methoden für den endgültigen Entscheid zur Verfügung (siehe "Die endgültige Entscheidung")
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Bewerten und entscheiden : Unterschiedliche Skalen

Bewertungsarten_Konsensierungskarten_5
Die Konsensierungsfächer sind für eine Skala von 10 W-Stimmen als Obergrenze ausgelegt
Bei der Beschreibung der Grundlagen des SK-Prinzips sind wir davon ausgegangen, dass jeder Vorschlag von jedem bewertenden Gruppenmitglied anhand einer zehnteiligen Ablehnungs-Skala von Widerstandsstimmen (W-Stimmen) bewertet wird.  Diese Skala ist  nicht bindend, auch andere Skalen sind möglich. Alle Skalen sollten jedoch bei 0 W-Stimmen beginnen und bis zu einer festen, positiven W-Stimmen-Obergrenze gehen.

Dabei bedeuten:
  • 0 W-Stimmen: Ich habe nichts gegen diesen Vorschlag einzuwenden.
  • W-Stimmen-Obergrenze: Ich lehne diesen Vorschlag entschieden ab.
  • Zwischenwerte werden nach Gefühl vergeben. Jeder Wert kann mehrmals vergeben werden.

Manche Menschen haben einen Widerwillen gegen Zahlen. In solchen Fällen sollte man "sprechende Skalen" verwenden. Der Widerstand der Beteiligten wird dann in der sprechenden Skala ausgedrückt und erst zum Zwecke der Auswertung in Zahlenwerte umgewandelt.
Bewährt hat sich die Skala:
  • Kein Widerstand / keine Einwände (entspricht 0 W-Stimmen)
  • Leichte Bedenken (entspricht 1 W-Stimme)
  • Mittlere Bedenken (entspricht 2 W-Stimmen)
  • Schwere Bedenken (entspricht 3 W-Stimmen)
  • An der Grenze des Zumutbaren (entspricht 4 W-Stimmen)
  • Auf gar keinen Fall (entspricht 5 W-Stimmen als W-Stimmen-Obergrenze)
Welche Skala auch immer man wählt, jeder Vorschlag sollte von jedem Beteiligten gemäß der gewählten Skala bewertet werden.
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Bewerten und entscheiden : Arten der Bewertung

Wer die Beschreibung des Konsensierens liest, denkt zumeist intuitiv an Papier und Bleistift, um die Vorschläge zu bewerten und den Gruppenwiderstand zu errechnen. Bei nicht allzu großen Gruppen und nicht allzu vielen Vorschlägen kommen sogar zehnjährige Kinder mit dieser Methode zurecht.

Bewertungsarten_Konsensierungstabelle_1Diese Methode kann man unterstützen, wenn man vorgefertigte Konsensierungstabellen ausfüllt.
Bewerten_Konsensierungskarten_8Erstaunlicherweise ist es viel einfacher und geht viel schneller, wenn man Konsensierungsfächer verwendet. Dabei werden die einzelnen Vorschläge nacheinander bewertet. Auf Zuruf eines Moderators halten sämtliche Beteiligten die Karte des Fächers mit dem Widerstandswert für den gerade betrachteten Vorschlag hoch und der Moderator addiert laut und im Kopf. In Gruppen bis zu maximal 30 beteiligten und etwa 10 Vorschlägen (also etwa 300 Werten) funktioniert das erstaunlich gut.

Sofern man mit einer 10-er-Skala arbeitet und mehr als 300 Werte zu verarbeiten sind, empfiehlt sich Computer-Unterstützung. Falls alle Beteiligten an einem Ort versammelt sind, können Sie unseren W-Stimmen-Rechner benutzen, sonst verwenden Sie bitte die online-Konsensierungen.

Bei anderen Skalen kann man mit anderen Hilfsmitteln arbeiten.

Vereinfachtes Bewerten: Beim vereinfachten Bewerten, werden zwei Hände verwendet. Bewertungsarten_vereinfachtes_K_1Es bedeuten:

  • Keine Hand oben: Ich habe keinen Einwand
  • Eine Hand oben: Ich habe ernsthafte Bedenken
  • zwei Hände oben: Ich lehne diesen Vorschlag entschieden ab.

Bewertungsarten_Abstimmung_1
Beim Schnellkonsensieren wird der Einwand durch Heben einer Hand signalisiert (Bild von hofschlaeger / www.pixelquelle.de)
Beim Schnellkonsensieren reicht eine Hand. Sie signalisiert: "Ich habe einen Einwand"

Kinder bedürfen kindergerechter Methoden, um mit Konsensiern vertraut zu werden. In einer Schuklasse mit 5 - 7-jährigen Kindern haben wir haben wir mit einer 5-stelligen Skala gearbeitet und die einzelnen Stufen durch Kärtchen symbolisiert: Die Ringe auf den einzelnen Kärtchen waren Symbole für die W-Stimmen. Kinder_Taefelchen_4Die Kinder haben Spielringe (Weh-Ringe) darauf gelegt, welche zu Türmen gestapelt und dann in ihrer Höhe verglichen wurden. Der niedrigste Turm war der mit den wenigsten Spielringen und daher auch der mit den wenigsten W-Stimmen.Bewertungsarten_Kinder_1
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Bewerten und entscheiden : Gruppenwiderstand und Akzeptanz

Bewerten_Koepfe_4
Aus der gemeinsamen Einstellung der Gruppenmitglieder zu jedem Vorschlag wird dessen Akzeptanz ermittelt
Wenn man die W-Stimmen aller bewertenden Gruppenmitglieder je Vorschlag zusammenzählt, erhält man den Gruppenwiderstand des Vorschlags.

Ein Vorschlag erregt maximalen Gruppenwiderstand, wenn er von jedem bewertenden Gruppenmitglied mit der W-Stimmen-Obergrenze abgelehnt wird. Er erhält damit offensichtlich 0 % Akzeptanz.

Andererseits erhält ein Vorschlag, der von sämtlichen bewertenden Gruppenmitgliedern mit 0 W-Stimmen bewertet worden ist, offensichtlich 100 % Akzeptanz.

Beachten Sie bitte, dass nicht jedes Gruppenmitglied jeden Vorschlag bewerten muss. Deswegen sprechen wir von den "bewertenden Gruppenmitgliedern". Der maximal mögliche Gruppenwiderstand durch die bewertenden Gruppenmitglieder beträgt:
W-Stimmen-Obergrenze x Zahl der bewertenden Gruppenmitglieder

Für beliebige Gruppenwiderstände kann man die Akzeptanz leicht berechnen:
Akzeptanz (in%) = 100 x (maximal möglicher Gruppenwiderstand durch die bewertenden Gruppenmitglieder - aktueller Gruppenwiderstand) / maximal möglicher Gruppenwiderstand durch die bewertenden Gruppenmitglieder

Bei einer Widerstandskala von 0 bis 10 gilt:
Akzeptanz (in%) =
= 10 x [10 – (aktueller Gruppenwiderstand / Anzahl der bewertenden Gruppenmitglieder)]
= 10 x [10 – durchschnittlicher Widerstand der Gruppenmitglieder]


Zusätzlich kann man natürlich noch den durchschnittlichen Gruppenwiderstand gegen jeden Vorschlag berechnen:
Durchschnittlicher Gruppenwiderstand = Gruppenwiderstand  / Zahl der bewertenden Gruppenmitglieder

Der durchschnittliche Gruppenwiderstand gegen einen Vorschlag in Prozent ausgedrückt gibt Aufschluss über das Konfliktpotenzial in der Gruppe, welches durch eine Verwirklichung des betreffenden Vorschlags erzeugt würde:
Konfliktpotenzial = 100 x Durchschnittlicher Gruppenwiderstand  / W-Stimmen-Obergrenze
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Bewerten und entscheiden : Die endgültige Entscheidung

Ausgehend von den vorhandenen Gruppenwiderständen haben wir für den Entscheid ein Lösungsband entwickelt, in welchem die einzelnen Vorschläge in einer Ranordnung gemäß ihrer Nähe zum Konsens geordnet sind (Wir hätten diese Ordnung natürlich auch mithilfe der Akzeptanz der einzelnen Vorschläge erstellen können). Dieses Lösungsband erlaubt eine differenziertere Entscheidungsfindung, die sämtliche konensnahen Vorschläge in die Entscheidungsfindung miteinbezieht.
Bewerten_Loesungsband_5
Durch die Bewertung entsteht ein "Lösungsband", in welchem sämtliche Vorschläge hinsichtlich ihrer Nähe zum Konsens geordnet sind


Wie nämlich beim Mehrheitsprinzip der Modus der endgültigen Entscheidung durch eine "Geschäftsordnung" festgelegt wird (einfache Mehrheit, qualifizierte Mehrheit, 2/3-Mehrheit etc.), kann man diese Möglichkeit auch beim hier nützen. Mithilfe dieser Geschäftsordnung kann man dann zusätzliche Gesichtspunkte beim endgültigen Entscheid berücksichtigen.
1. Falls die Umsetzung sämtlicher der "guten" Lösungen unmöglich ist (weil etwa zu aufwändig), kann man durch Schnellkonsensieren entscheiden, welche davon umgesetzt werden sollen. Man beginnt dabei mit der Lösung größter Akzeptanz und setzt dann in der Reihenfolge fallender Akzeptanz fort. Dies ist durchaus sinnvoll, da es in Kenntnis von wesentlich mehr Information geschieht, als die ursprüngliche Bewertung: der Reihung der Vorschläge im Lösungsband, der totalen Ablehnung jedes Vorschlags und der beim Schnellkonsensieren bereits angenommenen Vorschläge.

2. Auch für einander widersprechende Vorschläge kann man differenzierter vorgehen: Für den Fall, dass mehrere davon dieselbe Akzeptanz aufweisen, kann man zusätzliche Kriterien festlegen, nach denen entschieden wird. Unter diesen Vorschlägen kann man zum Beispiel versuchen, die Anzahl der totalen Ablehnungen (das sind solche mit der W-Stimmen-Obergrenze) zu minimieren und - falls dann noch immer einige Vorschläge gleichauf liegen - sich für den Vorschlag mit der höchsten Zustimmung zu entscheiden o.ä.

3. Eine etwas ausgefeiltere Variante wäre, dass man ein gewisses Akzeptanz-Intervall in Prozentpunkten festlegt, innerhalb dessen man Vorschläge als gleichwertig ansieht und Bewerten_Loesungsband_mit_Intervall_3dann die Zusatzkriterien von Punkt 2 anwendet.

4. Die Starrheit der Auswahl des Akzeptanz-Intervalls in Punkt 3 kann man lockern, indem man es nachdem der Gruppenwiderstand für alle Lösungen bekannt ist durch Schnellkonsensieren "dynamisch" festlegt.

5. Wahrscheinlich sind auch noch weitere Varianten denkbar und sinnvoll
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Bewerten und entscheiden : Strategisches Bewerten

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Strategisches Bewerten geht oft ins Auge
Wir haben im Beitrag über die Selbstreinigung dargelegt, dass man sich durch strategisches Bewerten selbst schaden kann. Wir möchten diese Aussagen hier noch vertiefen. Wer immer von der ehrlichen Bewertung ab geht, um gewünschte Effekte zu erzielen, riskiert dadurch, sich selbst zu schaden.

Dazu ein Beispiel. Nehmen wir an, bei ehrlicher Bewertung wäre mein zweitliebster Vorschlag knapp konsensiert worden. Weil ich meinem Lieblingsvorschlag aber unbedingt zum Durchbruch verhelfen wollte, habe ich strategisch bewertet und schon den zweitliebsten Vorschlag schlechter eingestuft, sprich, ich habe ihm real mehr W-Stimmen zugeteilt, als es meiner tatsächlichen Einstellung entsprach. Dadurch wurde natürlich auch der Gruppenwiderstand dieses Vorschlags erhöht. Wodurch er bei der tatsächlichen Auswertung nicht konsensiert wurde, sondern eben ein anderer.

Durch mein strategisches Bewerten habe ich den Erfolg meines zweitliebsten Vorschlags verhindert und einem vielleicht wesentlich unangenehmeren Vorschlag zum Durchbruch verholfen.
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