Der Moderator entscheidet nicht, sondern stellt nur Anträge
Machtfreie Moderation: Dem allgemeinen Konzept des Konsensierens folgend sollte auch die Moderation auf machtfreier Basis erfolgen. Die Sonderstellung des Moderators beschränkt sich darauf, dass er sich nicht an die Rednerliste halten muss, sondern jederzeit das Wort ergreifen kann. D.h., wenn er es für nötig hält, den Ablauf des Prozesses zu beeinflussen, dann erfolgt dies nicht autoritär und aus einer Machtstellung heraus, sondern er stellt einen entsprechenden Antrag an die Gruppe, welche dann mittels Schnellkonsensierens darüber entscheidet. So werden alle Entscheidungen, die den Ablauf des Prozesses beeinflussen, von der Gruppe selbst getroffen.
Die Mitglieder der Gruppe fühlen sich dadurch untereinander in jeder Hinsicht gleichwertig und die Gefahr von parteiischer Moderation wird ausgeschaltet. Da der Moderator keine eigenen Entscheidungen trifft, fühlt sich auch niemand durch dessen Entscheidungen benachteiligt. Spannungen zwischen der Gruppe und dem Moderator, die den Ablauf des Verfahrens stören könnten, werden vermieden. Ganz im Gegenteil, das Vertrauen innerhalb der Gruppe wächst eher.
Da in der Gruppe meist eine Vielfalt von Meinungen herrscht und der Moderator keine davon unterdrückt, sondern über jede davon durch Schnellkonsensieren entschieden werden muss, kann der Eindruck entstehen, das Verfahren würde dadurch unnötig aufgeblasen und "langweilig". Erfahrungsgemäß ist der Aufwand aber trotzdem wesentlich geringer als mit herkömmlichen Verfahren: Die Konflikte, die bei Letzteren zumeist entstehen, und die Adrenalinschübe, die dadurch erzeugt werden, täuschen über den Eindruck der Langweiligkeit nur hinweg. Zum Beispiel konnten wir Konflikte, die auch nach monatelangen Verhandlungen mit traditionellen Methoden unlösbar erschienen waren, innerhalb eines halben Seminartages lösen.
Der Ablauf: vor Beginn der Moderation sollte auf einer Pinnwand ein "Parkplatz" eingerichtet werden. Wenn immer dann im Laufe der folgenden Moderation eine „Störung" auftritt wird dieser einerseits Vorrang eingeräumt, in dem der Moderator bittet, ihren Inhalt auf eine Moderationskarte zu schreiben, diese vorzulesen und danach am Parkplatz fest zu heften (jede Frage, die nicht mit wenigen Worten beantwortet werden kann, jeder Einwand, jede störende Privatdiskussion und alles ähnliche wird hier als Störung aufgefasst). Der Moderator garantiert, dass er nach Ablauf des laufenden Schrittes einen Antrag auf Behandlung der Karten am Parkplatz stellen werde.
Bewährt hat sich folgende Methode der Moderation:
- Es wird eine strenge Rednerliste geführt. Da – wie im Folgenden beschrieben – sämtliche Aussagen visualisiert festgehalten werden, besteht kein Anlass ad-hoc-Äußerungen zuzulassen.
- Jedes Mitglied, welches eine Aussage machen möchte, schreibt diese auf eine Moderationskarte. Es ist dabei das Interesse des jeweiligen Autors, diese Aussage möglichst knapp zu formulieren und sie präzise und groß zu schreiben (keinesfalls mehr als vier Zeilen je Karte), da sie nur dann von den anderen auch gut gelesen werden kann und so im Gedächtnis gespeichert wird.
Sämtliche Äußerungen der Beteiligten werden visualisiert
- Wenn es im Rahmen der Rednerliste an der Reihe ist, liest das Mitglied seine Moderationskarte vor, erläutert sie eventuell noch kurz zusätzlich und heftet sie auf einer Pinnwand ab.
- So werden sämtliche zusammengehörigen Aussagen eines Schritts visuell gespeichert und für alle sichtbar gemacht. Wenn der jeweilige Schritt beendet ist (bzw. – falls die Pinnwand groß ist – nach mehreren Schritten, erst wenn die Pinnwand voll ist), wird entweder
- die Pinnwand wird fotografiert, das Foto ausgedruckt und an alle Beteiligten verteilt
- oder alle Karten der Pinnwand werden auf einem eigenen Tisch wieder aufgelegt, um dort den Beteiligten als Gedächtnisstütze zu dienen.
- Beim Durchleuchten der einzelnen Vorschläge gilt das hier Gesagte für jeden einzelnen Vorschlag.