1: Grundlagen

Was ist Systemisches Konsensieren?
Systemisches Konsensieren ist ein bestimmter Weg der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Als Konsensieren bezeichnen wir Allgemeinen den Vorgang der bestmöglichen Näherung an den Konsens, also das Finden der größtmöglichen Übereinstimmung unter Menschen. Systemisches Konsensieren nennen wir den hier beschriebenen Entscheidungsweg deshalb, weil er systembedingt zu einem konstruktiven Verhalten aller Beteiligten führt, ohne von ihrem guten Willen oder sonstigen Eigenschaften abhängig zu sein.

Was zeichnet diese Methode aus?
Was aus systemischem Konsensieren folgt, ist, dass die Entscheidung
– keine klassischen Verlierer liefert
– auf die geringste Ablehnung in der Gruppe stößt
– somit von der Gruppe am leichtesten getragen wird
– somit keinen Streit fördert, sondern bestehenden Streit auflöst
– die Kreativität aller Beteiligten miteinbezieht und diese somit fördert
– dem idealen Interessenausgleich und somit dem Konsens am nächsten kommt
– daher als Problemlösung am ehesten infrage kommt

Wie wird sie angewendet?
Das Grundprinzip des systemischen Konsensierens besteht darin, dass jeder Stimmberechtigte zu jedem zur Wahl stehenden Vorschlag Stimmen abgibt, ihn dadurch gewichtet. Man stimmt also nicht mit „ja“ oder „nein“, sondern vergibt Punkte auf einer Skala von 0 bis 10. Dabei steht die Null für „Ich habe überhaupt nichts dagegen“ und die Zehn für „Ich bin völlig dagegen.“ Diese Punkte beinhalten somit den individuellen Widerstand (man nennt sie Widerstand-Stimmen, kurz: W-Stimmen oder WIST). Nachdem jeder Teilnehmer seine W-Stimmen zu jedem Vorschlag abgegeben hat, werden bei jedem Vorschlag alle W-Stimmen zusammengezählt. Im einfachsten Fall gilt jener Vorschlag als angenommen, welcher den niedrigsten Gesamtwiderstand besitzt.

2: Mehrheitswahl vs. Konsensieren

Ein Beispiel: Wir beobachten vier Freunde, die zusammen essen gehen wollen. Es werden vier Restaurants vorgeschlagen: ein chinesisches, ein griechisches, ein italienisches und eines mit steirischen Spezialitäten. Wie bei überzeugten Demokraten üblich, stimmen die vier Freunde ab.
Hier das Ergebnis:

Das Ergebnis ist eindeutig, das griechische Restaurant hat mit zwei Stimmen die relative Mehrheit.
Nun wendet allerdings Rainer ein, er hätte Probleme mit der Galle und würde das zumeist fette Essen in griechischen Restaurants nicht vertragen, er möchte also wirklich nicht beim Griechen essen.

Wie können sich die Freunde in so einer Situation entscheiden? Sollen sie versuchen Rainer zu zwingen, ins griechische Restaurant zu gehen, weil die Mehrheit es beschlossen hat? Würden die Freunde so handeln, wäre die Stimmung beim Restaurantbesuch sicher gestört, vielleicht sogar die Freundschaft gefährdet.

Vermutlich kennt jeder derartige Situationen und weiß, dass Freunde, die einander achten und Wert darauf legen, dass sich bei der gemeinsamen Entscheidung auch alle wohlfühlen, die Ablehnung der Anderen einbeziehen müssen.

Nun melden Aaron und Volker Bedenken gegen chinesisches Essen an, welches ihnen nicht besonders schmecken würde und dann wendet Xaver gegen das steirische Restaurant ein, er sei dort letztes Mal unfreundlich bedient worden.

Als man schließlich die Meinungen zum Italiener einholt, stellen alle fest, dass ihnen italienisches Essen recht gut schmecke. Niemand hat ernsthafte Einwände dagegen und man beschließt, ins italienische Restaurant zu gehen.

Die vier Freunde haben zuerst mit der Mehrheitswahl gestimmt und kamen nur dann weiter, als sie auf ihre individuellen Abneigungen Rücksicht nahmen. Durch diesen Umweg haben Sie einen Entscheid gefunden, der von allen mitgetragen werden konnte. Dies war jedoch nur möglich, weil die Gruppe genügend klein war. Bei größeren Gruppen oder mehr Wahlmöglichkeiten, wäre es zu aufwändig, sich über alle Abneigungen zu verständigen.

Wie hätte sich das Problem mit Systemischem Konsensieren gelöst? Dabei vergibt jeder von ihnen jedem Restaurant 0 bis 10 W-Stimmen.
– 0 W-Stimmen bedeutet „Ich habe keinen Einwand gegen diesen Vorschlag.“
– 10 W-Stimmen bedeuten „Dieser Vorschlag ist für mich unannehmbar.“
– Zwischenwerte werden nach Gefühl vergeben.
Folgendes Ergebnis entsteht:

In der Zeile „Gruppenwiderstand“ steht jeweils die Summe aller W-Stimmen für jedes Restaurant. Wie man sofort erkennt, wird das italienische am wenigsten abgelehnt und die Freunde werden sich dort gemeinsam am wohlsten fühlen.

Wäre der Entscheid gleich mit Systemischen Konsensieren gelöst worden, hätte man es sich sparen können, lange über seine Motive zu reden und trotzdem wäre die richtige Lösung schnell gefunden gewesen. Bei Bedarf hätte auch anonym konsensiert werden können, indem eine zusätzliche Person, welche im Hinblick auf das Problem neutral ist, alle W-Stimmen bekommt und auswertet.
Ein großer Unterschied zwischen dem Mehrheitsprinzip und SK-Prinzip ist, dass das Mehrheitsprinzip nur befriedigende Ergebnisse liefern kann, wenn sehr wenige Alternativen vorliegen. Demgegenüber ist das systemische Konsensieren auf die Meinungsvielfalt zugeschnitten: Es ermöglicht vor allem aus vielen Alternativen diejenige zu finden, die am wenigsten auf Ablehnung stößt.

Vergleich mit der demokratischen Mehrheitswahl:

Hierbei werden bei einer Fragestellung einige Wahlmöglichkeiten aufgestellt und jeder darf seine Stimme nur für das Konzept abgeben, welches seinem Interesse am ehesten entspricht.

Dieser Weg hat folgende Schwächen:

  • Die Einstellungen jedes Wahlbeteiligten zu den restlichen Konzepten werden ignoriert.
  • Somit ist es unwahrscheinlich, dass das Ergebnis das Gruppeninteresse repräsentiert.
  • Die Entscheidung ist zwar zugunsten einer relativen Mehrheit, kann jedoch gegen das Interesse der absoluten Mehrheit sein.
  • Minderheiten werden in der Gruppe somit vollständig ignoriert.

– So werden oft Konflikte in der Gruppe ausgelöst.
– Die Entscheidung wird von der Gruppe oft nur schwer akzeptiert.
– Das Ziel ist kein möglichst weit gehender Konsens, sondern der „Sieg“ der größten Teilgruppe.

Ein Beispiel: Ein Turnverein will einen Wochentag für eine neue Übungseinheit festlegen. Die Sportler entscheiden nach der Mehrheitswahl, an welchem Tag die Einheit stattfinden soll:

Wie man deutlich sieht, ist die relative Mehrheit für den Montag. Somit wird der Termin für die neue Übungseinheit darauf festgelegt.

Die 67%, die nicht für Montag gestimmt haben, sind empört! Schließlich sind sie mit 2/3 die absolute Mehrheit! Sie wollen das Ergebnis nicht hinnehmen. Der Friede der Gruppe ist gestört.

Und den Frieden wiederherzustellen, beschließt die Gruppe, es mit Konsensieren zu versuchen. Jedes Gruppenmitglied vergibt W-Stimmen für alle Werktage und diese werden bei jedem Tag addiert. Danach teilt man den Gesamtwiderstand jedes Tages durch die Anzahl der Stimmberechtigten und bekommt den durchschnittlichen Gruppenwiderstand. Dieser sagt aus, welchen Widerstand jedes Gruppenmitglied für den jeweiligen Tag im Durchschnitt hat.

Während der Gruppenwiderstand angibt, wie sehr ein Vorschlag durch die gesamte Gruppe abgelehnt wird, kann man umgekehrt auch fragen, wie sehr er akzeptiert wird. Man kann seine „Akzeptanz“ durch die Gruppe berechnen. Ein Vorschlag, der von allen maximal abgelehnt wird, erhält offensichtlich 0% Akzeptanz, während ein Vorschlag, der überhaupt nicht abgelehnt wird, offensichtlich 100 % Akzeptanz erhält. Daraus ergibt sich die allgemeine Formel für die Akzeptanz eines Vorschlags (der Faktor 100 und die Division durch den maximal möglichen Gruppenwiderstand ist nur für die Umrechnung in Prozent nötig):

Akzeptanz (%) = 100 x (maximal möglicher Gruppenwiderstand – aktueller Gruppenwiderstand) : maximal möglicher Gruppenwiderstand

oder nach einiger Umrechnung

Akzeptanz (%) = 10 x (10 – durchschnittlicher Gruppenwiderstand)

Bei der Auswertung der Widerstände unseres Turnvereins ergeben sich folgende Akzeptanzwerte:

Nun kann man klar sehen, dass der Mittwoch am ehesten akzeptiert bzw. am wenigsten abgelehnt wird. Natürlich hätte es auch gereicht, die Gesamtwiderstände zu vergleichen, die Akzeptanz ist hier nur zur Veranschaulichung erwähnt.

Das Fazit aus diesem Beispiel ist erstens, dass die Mehrheitswahl leicht die falsche Lösung bringen kann, weil die Restwiderstände völlig ignoriert werden – bei der Mehrheitswahl ist Montag hervorgegangen, während es beim Konsensieren der Mittwoch war. Das Zweite ist, dass die Mehrheitswahl systembedingt Streit fördert, wie wir gesehen haben. Dagegen führt systemisches Konsensieren systembedingt zum größtmöglichen Konsens – alle Beteiligten sehen die Punktevergabe und sind sich sofort einig, dass das Ergebnis dem Wunsch der Gruppe am ehesten entspricht. So wird Streit systemisch verhindert, wenn er besteht – sogar aufgelöst.

Warum beim SK die Ablehnung gemessen wird
Viele stellen sich bis hierhin sicherlich die Frage: „Warum ist in diesem System die Null gut und die Zehn schlecht, und nicht umgekehrt?“ Tatsächlich ist beim SK-Prinzip das Ziel, eine Entscheidung mit minimaler Ablehnung zu finden. Dafür muss logischerweise auch die Ablehnung gemessen werden. Dadurch, dass die Null „Akzeptanz“ und die Zehn „Ablehnung“ verinnerlicht, gilt es nicht, um möglichst viele Stimmen zu kämpfen, um mit seinem Vorschlag erfolgreich zu sein, sondern es gilt, Widerstandstimmen zu vermeiden – was nur durch Entgegenkommen erreicht werden kann.

Grenze des Zumutbaren; Legimitationsgrenze der Lösungen

Wir haben gelernt, dass im Normalfall das Konzept mit dem geringsten Gesamtwiderstand angenommen wird. Nun kann man diesen Aspekt noch erweitern.

Wir stellen uns vor, wir hätten in einer Problemstellung konsensiert. Dabei hatten wir den bestehenden Lösungsvorschlägen den Vorschlag „Alles soll bleiben wie es ist.“ hinzugefügt, dass also hierbei in unserem Problem keine Änderung erfolgen sollte. Dies ist die sogenannte Null-Lösung. Die Gesamtwiderstände für alle Konzepte wurden zusammengezählt und in einem Lösungsband sortiert:

Die Lösungskonzepte sind nach ihrem Gesamtwiderstand sortiert, oben mit dem geringsten, unten mit dem größten. Je weiter oben ein Konzept ist, umso näher liegt es somit am Konsens. Man erkennt vier Konzepte, die über der Null-Lösung sind (grün). Die Folgerung ist, dass wir nur die Lösungen überhaupt erst in Betracht ziehen werden, die einen kleineren Gesamtwiderstand haben als die Null-Lösung, also die oberen vier in der Kette. Denn alles, was von uns mehr abgelehnt wurde, als alles zu lassen wie es ist, kommt logischerweise gar nicht in Frage. Die Null-Lösung stellt somit die Grenze des Zumutbaren für eine Gruppe dar.

Es kann auch mehr als eine Null-Lösung formuliert werden, z. B. der Vorschlag „Wir werden das Problem später lösen“. Null-Lösungen sollten möglichst nicht absolut formuliert werden, wie z. B. „Alles soll immer so bleiben wie es ist“.Die Konzepte, die besser als die Null-Lösung abschneiden, können bei Bedarf alle in Kraft treten, solange sie sich nicht widersprechen. Der Anzahl der Vorschläge sind beim SK-Prinzip, im Gegensatz zum Mehrheitsentscheid, keine Grenzen gesetzt. So haben auch Minderheiten immer die Möglichkeit, einen Weg vorzuschlagen, der ihre eigenen Interessen berücksichtigt und zum Tragen kommen kann, wenn er den besseren Lösungen nicht widerspricht.

4: Selbstreinigung

Machtorientierte Menschen könnten versuchen, der eigenen Wunschlösung zum Durchbruch zu verhelfen, indem sie dieser 0 W-Stimmen geben, alle anderen Vorschläge jedoch mit je 10 ablehnen (strategisches Konsensieren). Dadurch schneiden sich diese Menschen jedoch oft ins eigene Fleisch.

Wir betrachten dafür ein Beispiel: Eine Familie – die Eltern und ihre zwei Kinder – sitzen am Mittagstisch. Es soll entschieden werden, was es als Nächstes zu essen geben soll. Die Familie konsensiert zum ersten Mal. Die Kinder sind auf ihre Wunschlösung fixiert und konsensieren strategisch.

Gemüselaibchen wurden konsensiert. Nun beginnt das Protestgeheul der Kinder: sie mögen beide die Laibchen überhaupt nicht und keiner ihrer Wünsche ist zum Zuge gekommen. Aber warum?

Wer alle anderen Vorschläge, außer dem eigenen, undifferenziert mit jeweils 10 W-Stimmen ablehnt, vergibt seine Chance, die Entscheidung zu beeinflussen, falls der eigene Vorschlag nicht zum Zug kommt. Er überlässt die Entscheidung den Anderen. Im Beispiel sehen wir, dass das Ergebnis so aussieht, als hätten nur die Eltern konsensiert.

Die Eltern erklären den Kindern diese Zusammenhänge. Die Kinder verstehen sofort und ihrem Wunsch entsprechend wird nochmal konsensiert. Diesmal geben sie nur den Speisen 10 W-Stimmen, welche ihnen wirklich weh tun. Sie haben verstanden, dass man beim Konsensieren seine eigenen Interesse am besten vertritt, wenn man die Vorschläge der anderen nach den eigenen Bedürfnissen abgestuft bewertet. Es entsteht folgendes Ergebnis:

Nun sind sogar die Kinder zufrieden! Da der Sohn jetzt ehrliche 4 W-Stimmen für den Fitness-Teller gab, wurde dieser konsensiert und es gibt die geringste Unzufriedenheit in der Familie.

Wer strategisch nur mit 0 und 10 bewertet, liefert weniger Entscheidungsinformation und überlässt dadurch oft die Entscheidung den Anderen. Wer also versucht egoistische Entscheidungen zu treffen, schadet sich damit selbst. Deshalb ist Konsensieren ein machtfreies Entscheidungsinstrument!