Seit eh und je wurde konsensiert.
Aber erst in neuester Zeit wurde das Verfahren erforscht, formalisiert und in seiner Kraft erkannt. Davor war das Verfahren so selbstverständlich, dass es nicht einmal einen Namen hatte.

Wenn Sie sich das folgende Beispiel lieber als Video ansehen möchten, klicken Sie hier.

Vier Freunde

Gruppenentscheidungen, bei welchen alle Beteiligten gleichberechtigt entscheiden können, sind heute mühsame Prozesse. Besonders bei größeren Gruppen führen sie oft zu endlosen Diskussionen, lähmen die Gruppe in ihrer Entscheidungsfähigkeit, ermüden die Teilnehmer und können sogar zur Spaltung der Gruppe führen. Die üblichen Entscheidungsverfahren sind dieser Aufgabe nicht gewachsen.

Vier Freunde planen ein gemeinsames Essen in einem guten Restaurant

Wir möchten Sie daher mit einer neuen Methode vertraut machen, wie man ohne lange und zermürbende Diskussionen eine Vielfalt von Meinungen entwickeln, auswerten und vereinigen kann. Lassen Sie sich davon überraschen, wie einfach die Methode ist und wie effizient sie gleichzeitig arbeitet. Zur Einführung laden wir Sie ein, mit uns vier Freunde zu beobachten, die gemeinsam in ein gemütliches Restaurant essen gehen wollen.Vier Restaurants stehen zur Auswahl ein chinesisches, ein griechisches, ein italienisches und eines mit steirischen Spezialitäten. Wie bei überzeugten Demokraten üblich, stimmen die vier Freunde zunächst ab.

 

So war das Resultat der Abstimmung: eine relative Mehrheit hat für das griechische Restaurant gestimmt

Das Resultat ist eindeutig, der Grieche hat mit zwei Stimmen eine relative Stimmenmehrheit erhalten und ist daher beschlossen.

Probleme

Nun meldet sich allerdings Rainer zu Wort und meint, er hätte Probleme mit der Galle. Er würde das zumeist fette Essen in griechischen Restaurants nicht vertragen, er möchte also wirklich nicht beim Griechen essen.

Rainer hat Probleme mit dem Resultat der Abstimmung

Wie werden die vier Freunde entscheiden? Werden sie zu Rainer sagen „Sei ruhig, wir haben mehrheitlich abgestimmt und die Mehrheit entscheidet, also mach keine Geschichten“?

Würden die Freunde so handeln, wäre die Stimmung beim Restaurantbesuch sicher gestört, vielleicht sogar die Freundschaft gefährdet.
Vermutlich kennen Sie alle derartige Situationen und Sie wissen, dass Freunde, die einander achten und darauf Wert legen, dass sich beim gemeinsamen Restaurantbesuch auch alle wohlfühlen, nicht so rücksichtslos entscheiden werden. Sie werden vielmehr Rainers Ablehnung ernst nehmen und das griechische Restaurant nicht mehr in Betracht ziehen.

In den Freunden gibt es Abneigung gegen einzelne der Restaurants

Nun melden auch Aaron und Volker Bedenken gegen chinesisches Essen an, welches ihnen nicht besonders schmecken würde.

Und dann wendet Xaver gegen das steirische Restaurant ein, er sei dort letztes Mal unfreundlich bedient worden.

Als man schließlich die Meinungen zum Italiener einholt, stellen alle fest, dass ihnen italienisches Essen recht gut schmecke. Niemand hat ernstliche Einwände dagegen und man beschließt daher …

Die Lösung

Man beschließt zum Italiener zu gehen.

Das italienische Restaurant wird von allen ohne Widerstand akzeptiert. Daher beschließen die vier Freunde dort zu essen.

Freunde, Menschen, die einander achten und die Meinung der anderen ernst nehmen, entscheiden so. Dadurch bleiben sie Freunde.

Das Entscheidungsverfahren, welches die vier Freunde ohne viel nachzudenken angewandt haben, ist ur-uralt und hat sich wahrscheinlich schon viele Millionen Mal bewährt. Es wird als so  selbstverständlich empfunden, dass es nicht einmal einen eigenen Namen erhalten hat.

Die Formalisierung

Das Problem des hier gezeigten Entscheidungsverfahrens ist natürlich, dass es nur bei Gruppen anwendbar ist, die klein genug sind, dass man sich über die jeweiligen Abneigungen verständigen kann und auch die Übersicht darüber behält. Bei größeren Gruppen oder mehr Alternativen muss man das Verfahren aus Gründen der Durchführbarkeit formalisieren.

Wenn man jedem/r Beteiligten erlaubt, seinen/ihren Widerstand mittels W-Stimmen zu bewerten, ist es für jede/n möglich, seinen/ihren Widerstand auszudrücken.

  • 0 W-Stimmen bedeutet: Ich habe keinen Einwand gegen diesen Vorschlag.
  • 10 W-Stimmen bedeuten: Dieser Vorschlag ist für mich unannehmbar.
  • Zwischenwerte werden nach Gefühl vergeben.

Ein harmonischer Abend

Ohne lange Diskussionen ist es ein harmonischer Abend geworden

Noch eine kurze Bemerkung zu unseren vier Freunden: Wäre der Entscheid von Anfang an mit der formalisierten Methode gesucht worden, so wären dafür keine Diskussionen nötig gewesen.

Niemand hätte sich exponieren oder über seine Motive Auskunft erteilen müssen. Im Extremfall hätte man die Bewertung sogar anonym abwickeln können.

Und trotzdem wäre der Entscheid sofort vorhanden gewesen.

Meinungsvielfalt ernst genommen

Je mehr Alternativen vorliegen, desto besser

Der größte Unterschied zum Mehrheitsprinzip ist jedoch der folgende:

Das Mehrheitsprinzip arbeitet nur befriedigend, wenn genau zwei Alternativen vorliegen. Demgegenüber ist das neue Verfahren auf die Meinungsvielfalt zugeschnitten.

Es erlaubt beliebig viele Beteiligte und beliebig viele Alternativen.

Ganz im Gegenteil: Je mehr Alternativen vorliegen, desto größer ist die Chance, dass eine davon von möglichst vielen möglichst wenig abgelehnt wird.

Das Ergebnis

Das waren die Werte unserer vier Freunde. Beachten Sie die Bewertungen, wo vorher die Kreuze bzw. die traurigen Smileys standen. Die Werte in den übrigen Positionen entsprechen den Widerständen, die dem Geschmack der einzelnen Beteiligten entsprechen.

Wenn man die W-Stimmen in den einzelnen Spalten zusammenzählt, erhält man offensichtlich den Widerstand, den die gesamte Gruppe dem jeweiligen Restaurant entgegenbringt.

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass sich die Gruppe insgesamt im Restaurant mit dem geringsten Gruppenwiderstand am wohlsten fühlen wird.

Wie zu erwarten, hat das italienische Restaurant die wenigsten W-Stimmen erhalten.